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Von Hunden und Stammbäumen

 

Von  Doris Stückrath  

 

 Bronzo hatte mal wieder Lust, die staubige Stadt im Tal zu verlassen und dem „Höheren“ zuzustreben. Das „Höhere“ war die Kaiserhöhe – wie der Name schon sagt. Dort verkehrten eigentlich eher die „feinen Pinkel“, wie Bronzo sie verächtlich nannte.

 

 

Sie hatten alle Stammbäume, solche, die in Schubladen lagen und womit fürchterlich angegeben wurde. Aber es waren auch ganz nette Kerle dabei. So zum Beispiel Enno. Enno war eigentlich auch ein feiner Pinkel mit Stammbaum in der Schublade, aber er bildete sich nichts darauf ein.

Er ist Retriever, die müssen immer etwas herumschleppen und Enno schleppt immer seinen Ball mit sich. Dann war da noch Herrmann, ein schwarzer Labrador.

Der sammelte Steine, die er immer wieder neu im Maul sortierte – die kleinen kamen nach hinten und ein großer davor, damit die kleinen nicht aus dem Maul fielen. Manchmal kam er auch mit gleich drei Bällen im Maul an. In jeder Backe einen und vorne in der Schnauze einen, das sah ziemlich affig aus. Für Bronzo waren das verzeihbare Macken, Hauptsache die Jungs waren in Ordnung. So trabte er weiter nach oben in den Wald, der Kaiserhöhe heißt. Von weitem konnte er Enno schon sehen, der seinen Ball mal wieder vom Hügel rollen ließ. Hermann sortierte – wie immer – seine Steine. Als sie Bronzo witterten, ließen sie Ball und Steine einfach fallen, um ihren Freund zu begrüßen. Gierig beschnupperten sie ihn ganz genau, denn er roch nach allerlei Abenteuern, mit denen sich Enno und Hermann nicht so genau auskannten. Dann rannten sie zu Ball und Steinen zurück. In diesem Moment schwebten Bronzo und Desiree vorbei, zwei Afghanen von feinster Rasse. Sie stanken ekelhaft nach Frauchens Parfüm. Bronzo lästerte über die „parfümierten Affen“, wie er sie gerne nannte. „Übrigens, ich habe auch einen Stammbaum, hättet Ihr das gedacht?“ Da klickerten Hermann vor Staunen die Steine aus dem Maul und Enno spuckte den Ball aus. „In welcher Schublade denn, Du hast doch kein Zuhause?“ fragten die beiden erstaunt. „Papperlapapp – Schublade, daß ich nicht lache, kommt mit, ich `zeig ihn Euch“ bellte Bronzo übermütig, mein Stammbaum kann sich wirklich sehen lassen. Nachdem Enno und Hermann ihre Habseligkeiten wieder eingesammelt hatten, rannten sie alle drei los. An einer dickstämmigen alten Eiche machte Bronzo halt. „Das ist mein Stammbaum – mein Stammbaum ist nämlich ein Baumstamm, macht doch mehr Sinn als Papierfetzen in der Schublade wie“ Da konnten die beiden nun wirklich nicht widersprechen. Schnüffelnd und Schwanz wedelnd wurde Bronzos Stammbaum nun begutachtet. Beeindruckt hoben Enno und Hermann das Bein und weihten ihn ein, sozusagen als Besiegelung ihrer Freundschaft. Sie sammelten ihre Preziosen wieder ein und trabten freundschaftstrunken hinter Bronzo her. Ihnen entgegen schwebte das elitäre Afghanenpaar und ließen im Vorbeigehen verächtliche Bemerkungen über Bronzo fallen:

"Stinkender Straßenköter, Bastard, Abfallfresser, Rassenschande!“ Bronzo brach in bellendes Gelächter aus: “Mein Stammbaum stellt alles in den Schatten, vor allem Eure albernen Papierfetzen, und wer hier wirklich stinkt, darüber müssen wir auch noch Mal reden!“ Enno und Hermann glotzten mit Augen, so groß wie Kartoffeln, als gerade Ludwig, der Einzelgänger vorübertrabte. Ludwig ist Dobermann und Zu Späßen nicht aufgelegt, deshalb ist er Einzelgänger und ziemlich humorlos. Bronzo hatte Lunte gerochen: „Na Ludwig, auf Freiersfüßen? Viel Glück, mein Lieber!“ Ludwig lief unbeirrt weiter, während Bronzo begann, sich um seine Flöhe zu kümmern. Ein kurzatmiger Dackel schlurfte mühselig vorbei, als ein schreckliches Gejaule aus mehreren Kehlen zu hören war Bronzo feuerte seine Freunde an und schrie: “Los Jungs, wir kriegen was zu tun!“ So rannten die drei los, Enno verlor seinen Ball, Hermann seine Steine, das war jetzt angesichts des Ernstes der Lage unwichtig. Sie fanden eine fatale Szene vor. Bonzo lag am Boden und zwar auf dem Rücken, über Ihm Ludwig mit gebleckten Zähnen an Bonzos Kehle, während Desiree zusammengekauert hinter ihrem Frauchen lag und winselte. Das Frauchen kreischte entsetzlich, was man verstehen kann Bonzo jaulte um sein Leben, Ludwig knurrte. Für Bronzo war die Sache klar: Ludwig wollte sich an Desiree ranmachen und Bonzo wollte den Helden spielen und da haben wir den Salat. Bronzo fackelte nicht lange, packte Ludwig am Schlafittchen und zerrt ihn weg. Mit Bronzo ließ selbst Ludwig sich nicht ein und zog es vor, sich wegzuschleichen, immerhin sehr peinlich berührt. Bonzo schlich mit eingezogenem Schwanz hinter seinem Frauchen her, während Desiree sich mit bewundernden Blicken nach Bronzo umschaute. Bronzo hatte jetzt erstmal die Schnauze voll und forderte Enno und Hermann auf, ihre Kostbarkeiten einzusammeln und nach Hause zu gehen. Er wolle wieder runter in die Stadt und ein normales Leben führen, außerdem hätte er noch eine Verabredung sagte er Augenzwinkernd. Enno und Hermann wurden blass vor Neid und fragten sich, ob eigentlich Bälle und Steine alles im Hundeleben seien...