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Coutoo / DST vom 30. Juli 2009
Teil 4 der Geschichte von Doris Stückrath (DST)
Ich nahm es ihr ungeduldig weg und wollte mich selber überzeugen. Es war wirklich zäh. Ärgerlich warf ich es auf den Boden. Wir schliefen ein. Als ich am nächsten Morgen wach wurde, sah ich Blut auf der Brust meiner Schwester. Waren das Reste von dem rohen Fleisch oder hatte sie Blut gespuckt? Sie war Lungenkrank.
Der trostlose Alltag ging weiter, so wie immer. Mein Groll gegen Adelheid steigerte sich. Ich schlich mich an einem der darauf folgenden Tage auf die Dreschmaschine, ein gutes Versteck ziemlich hoch oben, wo Onkel Richard immer gestanden hatte, wenn er am Dreschen war. Ich hatte ein paar Bucheckern dabei. Tante Adelheid rief schimpfend nach mir, ich solle nicht so faul sein und gefälligst runterkommen. Ich hatte aber keine Lust. Ich fühlte mich da oben sicher und konnte den Mund deshalb auch ziemlich vollnehmen. Ich wollte ihr endlich mal die Meinung geigen und warf ihr alles an den Kopf, was mich die ganze Zeit an ihr geärgert hatte, auch dass sie meine Schwester, die so krank war, auf den Kartoffelacker schicken würde bei Wind und Wetter. Das tat gut, die Adelheid mal endlich nach Herzenslust beschimpft zu haben. Ich belohnte mich noch mit ein paar Bucheckern und war zufrieden. Irgendwann musste ich natürlich wieder runter und vermied es, Tante Adelheid über den Weg zu laufen.
Wir hatten Läuse. Nicht nur Kopfläuse, nein, auch Körperläuse. Wir waren völlig verlaust. Wenn ich manchmal müßig auf den Treppenstufen des Hauses saß, kümmerte ich mich um sie. Wütend zerquetschte ich die Plagegeister zwischen den beiden Daumennägeln. Bei den Körperläusen musste das Hemd abgesucht werden. Das tat ich mit der gleichen grimmigen Inbrunst abends im Bett.
Manchmal hatte ich nichts zu tun. Dann saß ich auf den Stufen des Hauses. Meistens schien dann die Sonne, und wenn ich Glück hatte, hatte ich eine Schüssel Erbsensuppe auf dem Schoß. Ich suchte nach den kleinen Keimen, die sich aus der Erbse gelöst hatten und wie winzige Fleischstückchen in der Suppe schwammen und stellte mir vor, dass es Fleisch sei.
Wir waren nun nicht mehr nur abgestumpft und verroht, wir verwahrlosten immer mehr. Als ich eines Tages in das Zimmer kam, wo meine Schwester und ich schliefen, stank es nach verbrannten Haaren. Sie hatte sich ihre schönen dicken Zöpfe mit der Schere abgeschnitten und im Ofen verbrannt, um die gehassten Läuse loszuwerden.
Meine Mutter war sehr krank geworden. Ihre Beine waren so angeschwollen, dass sie kaum noch in die Pantinen kam. Die Haut glänzte, so straff war sie gespannt über dem aufgedunsenen Fleisch. Sie hatte Wassersucht und konnte kaum noch laufen. Außerdem hatte sie große Schmerzen und einen unstillbaren Durst. Sie durfte auch nichts trinken! Einen wahnsinnigen Durst haben und nichts trinken dürfen! Ich brachte ihr einmal eine reife rote Tomate, die ich geklaut hatte. Gierig hatte sie die saftige Frucht verschlungen und mich erreichte ein dankbarer Blick.
Es kam dann auch der Tag, an dem sie uns zusammen rief und uns sagte, dass sie nicht mehr gesund werden würde und wohl sterben müsse. Sie werde Onkel Franz, ihren jüngsten Bruder in Berlin und Vater von Traudchen bitten, sich um uns zu kümmern und diktierte meinem Bruder einen Brief mit dem entsprechenden Inhalt. Ich hatte schon nichts Gutes geahnt, aber jetzt war ich so verzweifelt, wie noch nie zuvor. Bitte, bitte nicht sterben. Die Gewissheit kam wie ein kalter, unaufhaltsamer Hauch, und ich wusste, dass mein Bitten umsonst sein würde. Meinen Geschwistern muss es ähnlich ergangen sein. Ingchen weinte still und Hänschen nahm sich zusammen und war „tapfer“. Tapferkeit hatten die Kriegsherren zu allen Zeiten schon den jungen Männern als Tugend verkauft, ohne ihnen den Preis genannt zu haben.
Ein paar Tage nach der schweren Stunde der Wahrheit gingen wir am Nachmittag über ein Stoppelfeld. Die Sonne schien noch, und es war auch warm. Ich ging hinter allen her, um die noch vorhandene und fühlbare Anwesenheit meiner Mutter ungestört auf mich wirken zu lassen. Sie war noch da, zum sehen und zum anfassen. Ich habe sie von hinten betrachtet und ganz tief ein -und ausgeatmet, als hätte ich sie dadurch in mich aufnehmen können, um sie für immer bei mir zu behalten. Das war der Abschied von unserer Mutter. Am nächsten Tag kam eine fremde Frau und sagte, ich nehme Frau Hermann mit nach Wriezen und werde sie dort pflegen. Eine vage Hoffnung war bei uns, dass wir sie gesund zurückbekommen würden, das tröstete uns über die Zeit, aber wir hörten erst mal nichts mehr von ihr.
Wieder um eine große Hoffnung ärmer, nahmen wir verzagt den Alltagstrott hin. Ich hatte inzwischen eitrige Geschwüre an den Füßen, die nicht heilen wollten und musste die lästigen Fliegen daran hindern, sich an meinem Eiter zu laben. Ich glaubte, den Knochen von meinem rechten Knöchel schon sehen zu können, der lag Blank. Das konnte nicht heilen bei dem ganzen Dreck, der uns umgab ohne Pflege und Verbandzeug.
Eines Tages war Adelheid sehr hektisch. Es wurden Tauben geschlachtet, es wurde aufwendiger gekocht, als sonst, denn Besuch stand ins Haus. Ich wurde noch ermahnt, mich ja nicht zu kratzen, wenn der Besuch da sei. Der Besuch kam. Russische Offiziere von der Kommandantur trafen den Bürgermeister. Ich stand da verlegen im Flur herum und konzentrierte mich auf das Nichtkratzen. Das ging so gerade, aber meine Füße konnte ich nicht verstecken, denn ich war barfüssig. Die Geschwüre erregten dann auch die Aufmerksamkeit der Offiziere. Ich weiß nicht mehr, was Adelheid stammelte. Sie schob es auf die Zustände und damit hatte sie ja auch Recht. Schließlich ließen sie von meinen Füßen ab und wandten sich den gebratenen Tauben in Sahnesauce zu. Mit den Geschwüren passierte weiter nichts, die eiterten wie eh und je. Die Offiziere hatten nichts unternommen. Was hätten sie in dem Kaff auch tun sollen. In Gollnow hatte mein Bruder einen Sanitätskasten gehabt und uns bei kleinen Verletzungen verarztet. Mein Vater hatte ihn immer den kleinen Doktor genannt. Hier in Frankenfelde gab es keine Sanitätskästen und Hänschen konnte somit auch nichts tun.
Ich habe noch gar nicht erwähnt, dass ich in die Dorfschule musste. Das habe ich aber nicht lange mitgemacht, denn ich war gehänselt worden. Gründe dafür hatte ich genug geliefert. Man bedenke nur, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann, dass mir je die Haare gewaschen worden wären oder je frische Unterwäsche bereit gelegen hätte, geschweige denn, dass frische Kleidchen zur Auswahl gestanden hätten. Einmal auf dem Schulweg fragte mich ein Mädchen aus dem Dorf, ob ich mich nicht schämen würde. “Warum???“ „ Na dein Kleid ist ja völlig zerlöchert.“ Ich sagte: „Ich habe doch Zahnschmerzen, dann kaue ich immer auf meinem Kleid herum, das hilft ein bisschen.“
In solchen Momenten hatte ich eine stoische Ruhe. Das hat mich einfach nicht erreicht, dieses Geschwätz von diesem ahnungslosen Gör eines Bauern, was wusste die denn schon. Ich hatte kein schlechtes Gewissen beim Schwänzen. Es fragte auch keiner, ob ich Fortschritte machen würde, Fortschritte auf einer Dorfschule… Wer sollte das denn schon sein. Es gab andere Sorgen. Ich hörte sowieso nur noch auf meinen Bruder.
Ich ging oft an die Sahnetöpfe, mein Bruder auch! Ingchen tat das leider nicht, obwohl sie es am nötigsten gebraucht hätte. Sie hatte Skrupel, so etwas zu tun.
An einem grauen Oktobertag – ich kratzte gerade den Dreck von den Küchenfliesen – kam eine fremde Frau in die Küche und verlangte Adelheid zu sprechen. Ich hatte sie geholt und kratzte eifrig weiter, um zu hören, was die Frau wollte. Die sagte, dass Frau Hermann gestorben sei. Die Nachricht hatte mir den Atem verschlagen. Entsetzt rannte ich sofort zu meinem Bruder, der in der Tenne war. „Mutti ist tot!“ Er war ganz ratlos und gab mir erstmal einen Kuss. Er ging dann zu Ingchen, um es ihr schonend beizubringen. Die Nachricht war schlimm genug für Ingchen, so dass die schonende Überbringung auch nichts genutzt hatte. Ingchen weinte sehr. Ich konnte nicht weinen, es kamen einfach keine Tränen. Mein Bruder? Ich weiß es nicht, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart.
Wir hatten uns alle drei keine großen Hoffnungen mehr gemacht, dass unsere Mutter gesund zurückkommen würde. Es ist aber noch mal wieder ganz etwas anderes, zu hören, dass sie gestorben sei, tot für immer und nie wieder kommen würde.
Onkel Franz musste benachrichtigt werden. Heute würde man einfach zum Telefon gehen. Im Oktober 1945 gab es kein Telefon beim Bürgermeister in Frankenfelde. Hänschen hatte den Brief abgeschickt, den unsere Mutter ihm diktiert hatte.
Die Familie meines Onkels war erschüttert. Sie hatten ja keine Zwischenberichte oder Vorwarnungen erhalten. Mein Bruder hatte auch erzählt, dass es um unsere Schwester Ingrid ganz schlecht stand. Wie ich viel später erfuhr, war die Entscheidung für die Familie nicht ganz leicht gewesen, denn sie wohnten mit fünf Personen in einer zweieinhalb Zimmer-Wohnung.
Aber meine Cousine Traudchen hatte wohl an der Entscheidung zu unseren Gunsten keinen geringen Anteil gehabt. Mit Ausschlag gebend war sicherlich auch die Tatsache, dass sie sich bei uns in Gollnow wohl gefühlt hatte. Sie war damals ja auch Kind in unserer Familie. So entschlossen sich Onkel Franz, Tante Meta, Walter und Traudchen, - Walter ist ihr Bruder – uns zu holen.
Es dauerte nicht lange, bis ein altes Liefer-Auto mit drei Rädern auf den Hof gerattert kam. Onkel Franz ! Er war erschüttert, als er sah, wie heruntergekommen wir waren. Zuerst wurde Ingchen nach Berlin gebracht. Sie kam gar nicht über die Schwelle des Hauses in Köpenick, was unser neues Zuhause werden sollte, sondern direkt in die Lungen-Heilstätte Buch bei Berlin. So wurde es uns erzählt.
Immerhin hatten mich Tante Adelheid und Onkel Richard nicht in meinem zerlöcherten Kleid nach Berlin fahren lassen. Sie hatten eine BDM-Jacke aufgetrieben und einen viel zu langen Rock in hellbraun. Begeistert war ich nicht.
Endlich kam Onkel Franz zum zweiten Mal, um auch uns zu holen. Wir quetschten uns zu dritt vorne in das Dreirad-Auto, das ein Zweisitzer war und tuckerten nach Berlin.
Schließlich standen wir in der Öttingstraße Nummer 5, in Berlin - Köpenick vor der Tür. Mir klopfte das Herz und ich musste heftig meinen Kopf von links nach rechts und von rechts nach links– und weil das nicht reichte – von vorne nach hinten und von hinten nach vorne schütteln. Ich vergas zu erwähnen, dass sich dieser Tick bei mir eingeschlichen hatte. Ich musste den Kopf einfach immer schütteln. Es war auch nicht so, dass mir das irgendeine Lust bereitet hätte. Es musste einfach sein. In Frankenfelde war ich dadurch auch schon aufgefallen.
Die Tür ging auf, alle standen im Türrahmen, während Walter lachend sagte: „Da ist ja unsere kleine Oma!“ Ich schüttelte gleich den Kopf noch heftiger und stand schüchtern und verlegen da. Die Begrüßung fiel herzlich aus – wir wussten ja gar nicht mehr, was das ist – Herzlichkeit - . Wahrscheinlich sind wir erst mal durchgefüttert worden, ehe wir unabdingbar in die Badewanne mussten. Ich ließ alles geschehen und wollte ein ganz liebes Kind sein – anders als bei Adelheid. Hier wollte ich bleiben, hier wollte ich nie Ärger machen. Es gefiel mir alles so gut. Die geblümten Kissen auf der Küchenbank unter dem Fenster, das gemütliche Wohnzimmer – hier war alles so schön. Und ich bekam ein eigenes Bett im kleinen Zimmerchen neben der Oma. Die Oma war die Mutter von Tante Meta und war sehr fromm. Nachts sang sie mit schauriger Stimme fromme Lieder. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Am Anfang hatte mir ihr Gesang Angst gemacht. Sie war aus Ostpreußen und sagte immer „der Kartoffel“ statt die Kartoffel. Abends erzählte sie mir manchmal schöne Geschichten vom Garten Eden. Dort würde es immer Obst geben, was mir sehr gefiel. Da wollte ich auch hin. Da kämen nur fromme Menschen hin, meinte sie. Über ihrem Bett hing ein Bild mit rosigen Engelchen, die auf einer Blumenwiese spielten, Obstbäume waren auch auf dem Bild. Eine gute Einstimmung, fromm werden zu wollen.
Traudchen musste auf der Besuchsritze im Ehebett ihrer Eltern schlafen. Sie war damals schon siebzehn und hätte sich auch was Besseres gewünscht. Für Hänschen wurde im Wohnzimmer eine Matratze auf den Fußboden gelegt, Walter schlief auf dem Sofa. Wir fühlten uns seit langer Zeit zum ersten Mal wohl. Die Kannenbergs, so hieß die Familie meines Onkels, mussten aber auch ganz schön zusammenrücken.
Am nächsten Morgen – es gab vorher Frühstück – sollte ich sofort in die Entlausungsanstalt. Traudchen hatte mir alles genau erklärt, was ich zu tun hätte, ich glaube, sie brachte mich dahin. In der Entlausungsanstalt war ich dann alleine
und musste das machen, was die dort sagten. Alles ausziehen, die Klamotten in einen Beutel packen, dann unter die Dusche. Danach in eine Reihe stellen. Als ich dran war, wurde ein stinkendes Zeug in meine Haare gerieben, die Augen brannten. Dann wieder unter die Dusche, natürlich nicht gleich, das Läusemittel musste erst mal wirken. Dann kriegte ich meine Sachen zurück- entlaust und trocken. Ich nahm irgend etwas und zog es an, wovon ich glauben konnte, damit durch die Straßen gehen zu können, ohne aufzufallen. Der Rest kam in einen Beutel, mit dem ich die Entlausungsanstalt verließ, um Läusefrei in ein normales Leben zu gehen. An der Ecke Lindenstraße wurde es schon schwierig, weil ich mir den Weg nicht hatte merken können. So fragte ich die nächstbeste Person ganz einfach nach der Öttingstraße. Die schaute etwas komisch rauf und runter an mir. Adrett hatte ich ja auch nicht ausgesehen in den zerknautschten Sachen und mit ungekämmten Haaren. Sie sagte dann aber: „Da jehste jetzt rechts in die Joachimstraße und da vorne jehste wieder links, det is die Öttingstraße. Die Hausnummer wirste ja wohl finden, Kleene.“ Ich hatte mich gut gefühlt, das alles alleine geschafft zu haben.
Tante Meta sah eigentlich streng aus. Sie hatte graues Haar zu einem Knoten gebunden, und hatte dicke, schwarze Augenbrauen über ihren blauen Augen, die allerdings trotz der strengen Brauen freundlich schauten. Sie trug gerne Schneiderkostüme, die auch ein wenig streng wirkten.
Nach der Entlausung mussten meine Füße ran. Hänschen war wieder ausgestattet mit Heilsalben und Verbandzeug. Es heilte aber nicht. Von Psychologie war damals noch nicht die Rede unter normalen Leuten. Hänschen bemächtigte sich ihrer trotzdem, indem er mich wissen ließ, dass, wenn die Geschwüre in einer Woche nicht geheilt wären, er mir die Füße abhacken würde. Das hat gesessen. Die Geschwüre waren in einer Woche abgeheilt, worüber ich aus verschiedenen Gründen sehr froh war. Entlaust und geheilt, begann ich, meine neue Umgebung wahrzunehmen, kopfschüttelnd, wie schon beschrieben und weiterhin noch sehr schüchtern.
Ich zog es vor, nicht am Familientisch zu essen, sondern lieber unbeobachtet in der Küche. Ich war mir meiner Macken schon bewusst und wollte nicht deswegen gehänselt werden. Tante Meta ließ mich einfach und drängelte nicht. Wenn mein Teller leer war und ich mehr wollte, kratzte ich so lange und laut auf ihm herum, bis sie kam und fragte, ob ich mehr haben wollte. So konnte ich mir die Peinlichkeit ersparen, vielleicht ein „Nein“ zu hören auf den Wunsch, mehr haben zu wollen. Mein Selbstbewusstsein hatte schon einen erheblichen Knacks bekommen, und ich holte mir meine Würde sehr vorsichtig zurück.
Abends war es in der Öttingstraße Nr. 5 gemütlich und gesellig. Es kamen Freunde von Walter und Traudchen und spielten mit uns Mikado oder andere Spiele.
Einmal allerdings kam ein junges, kinderloses Ehepaar zu uns. Vorsichtig wurde mir beigebracht, dass die keine Kinder hätten und so… Bei mir gingen alle Sensoren auf Abwehr. Die sollten ja nicht denken, dass die mich einfach abschleppen könnten. Der Name von den Leuten war Schuler. Frau Schuler wollte mich auf den Schoß nehmen. Ich wollte nicht. Sie nahm mich trotzdem mit freundlichen Worten auf ihre Knie. Ich wackelte mit dem Kopf wie immer und bedeckte mein Gesicht mit den Händen. Ich kam mir so lächerlich vor und war sperrig wie ein Ziegenbock. Auf Fragen gab ich keine Antwort und wollte nichts sehen, nichts hören und auch nicht gesehen werden. Ich schämte mich einfach. Meine Verwandten entschuldigten mein Benehmen, ich hätte so viel durchgemacht und sei noch sehr schüchtern. Frau Schuler bot mir einen Bonbon an. Ich nahm ihn nicht an. Er wurde auf die Kredenz gelegt. Schließlich waren sie endlich gegangen. Ich musste mir auch einige Worte über meine Verstocktheit anhören, das war mir nicht angenehm. Den Bonbon jedoch hatte ich nicht aus den Augen gelassen. Erst nach drei Jahren hatte ich ihn aus seinem Versteck geholt und traute mich, ihn zu essen, weil er in Vergessenheit geraten war.
Ich kam in die Schule. Der erste Tag! Mit den hübsch angezogenen Mädchen hatte ich wenig gemeinsam. Ich kam vom Land, sprach mit pommerschem Akzent und sah doof aus. Alle fielen über mich her und zeigten mir das Lesebuch. Kannst du schon lesen und rechnen? Es wurde mir eng, ich nahm meine Arme und schaufelte sie nach hinten, weg von mir und murmelte, „ich werde das schon können…“ Die Sympathien der Mädchen habe ich mir später erkauft, indem ich die Schätze von meiner Cousine, wie Lackbilder und Buntstifte, großzügig verteilt hatte. Geschenke machen erstmal Freunde. Noch später konnte ich das untermauern mit kleinen Bildchen, die ich gemalt hatte und ihnen mit dem Nagellack meiner Cousine zu Glanz verholfen hatte. Die waren sehr begehrt. So hatte ich mir als Landei aus Pommern Sympathien verschafft.
Eine Glanzleistung ist mir bei der ersten Rechenarbeit in der neuen Klasse gelungen. Die von der Lehrerin an die Tafel geschriebenen Rechenaufgaben hatte ich abgeschrieben, alles richtig. Ich wunderte mich, dass die alle noch nicht fertig waren und dachte, so schnell sind die in Berlin nun auch wieder nicht. Die Hefte wurden schließlich eingesammelt. Wir bekamen sie nach einigen Tagen auch wieder zurück. Ich hatte eine Sechs, die höchste Note, wie ich dachte und ging prahlen, erntete allerdings nur Gelächter, was mich gewundert hatte. Ausrechnen hatte ich sollen, hatte mir aber keiner gesagt…
Ich gewöhnte mich immer mehr an das neue Zuhause. Eine neue Freundin hatte ich auch schon: Heidi aus der Öttingstraße 7. Hänschen bekam eine Lehrstelle bei Herrn Woskowiak als Elektro-Mechaniker-Lehrling. Es hatte ihm viel Spaß gemacht.Er bastelte zu Hause in der Küche immerzu an irgendwelchen Radios herum. Ich fand die magnetischen Lautsprecher sehr spannend und klebte immer Tante Metas Stecknadeln daran. Einmal gab mir Hänschen einen Kondensator (so hieß das, glaube ich) in die Hand und sagte ganz ernst, dass ich das auf keinen Fall loslassen dürfe. Ich versprach das auch ganz ernsthaft. Ich hielt immer noch fest, als er das Teil unter Strom gesetzt hatte und war starr vor Schreck, während er hämisch grinste. Er war auf dem besten Wege, mein Vertrauen in ihn aufs Spiel zu setzen.
Ingchen war in der Klinik in Buch. Tante Meta und Traudchen besuchten sie, so oft es ging. Ich durfte nicht hin, weil ich mich angesteckt hatte, Hänschen auch nicht. Er hatte auch Schatten auf der Lunge. Bei Ingrid war die Krankheit sehr weit fortgeschritten. Die Ärzte dort taten, was sie tun konnten. Unsere Schwester machte Fortschritte und nahm an Gewicht zu. Sie blieb zweieinhalb Jahre in der Klinik. Während wir mitten im bürgerlichen Leben gelandet waren, mit Schule und Lehrstelle und allem drum und dran, fragten wir uns natürlich, was mit unserem Vater war. Würde er je zurückkommen? Lebte er noch?
Ja, er lebte noch, was wir damals nicht wussten, er lebte nicht weit von Berlin in Oranienburg im ehemaligen Konzentrationslager „Fünfeichen“, das die Russen zum Gefangenenlager umfunktioniert hatten. Er wusste genau so wenig über uns wie wir über ihn und auch nicht, dass uns so wenige Kilometer trennten.
Fünfeichen, das klingt irgendwie nach Erholungspark. In Wirklichkeit muss es die Hölle gewesen sein.
Erst für die von den Nazis verfolgten Juden und ungeliebten Minderheiten und nach Kriegsende für die Kriegsgefangenen der Russen, zu denen mein Vater auch gehörte. Er kam dorthin, nachdem er von den Russen in Wollin auf der Suche nach uns festgenommen worden war.
Wie wir sehr viel später vom Roten Kreuz erfahren hatten, sei er 1948 in Gefangenschaft gestorben in Fünfeichen. Verhungert, nach Zeugenaussagen. Aus Medienberichten erfuhr ich von den Massengräbern, die dort entdeckt worden sind. Meine Schwester Lieselotte war 1945 aus Russland zurückgekommen und hatte uns 1946 in Köpenick besucht. Sie ging nach Hamburg, wo sie auch auf Willi, unseren Bruder, traf.
In Köpenick lief der Alltag weiter. Mein Onkel hatte ein Bettengeschäft. Die Menschen damals konnten nichts kaufen, weil es nichts Neues gab. So brachten sie ihre Daunendecken und Federbetten zum Bettengeschäft Kannenberg. Die Decken
wurden aufgetrennt, die Federn in der großen Reinigungsmaschine gereinigt, die Hüllen, die die Federn umgaben, mussten in die Wäscherei und alles wurde wieder wie neu gemacht. Ich war manchmal im Laden, um zu trennen, wie das kurz genannt wurde. Mit Rasierklinge, ohne in den Stoff zu schneiden. Das ist mir nicht immer gelungen, genauso, wie ich auch nicht immer mein Taschengeld bekam für meine Arbeit. Danach zu fragen, traute ich mich nicht.
Das, was in die Wäscherei musste, nämlich die Stoffe und Inletts, war meine Aufgabe. Ich musste über einen Hof, auf dem schon ein aggressiver Hahn auf mich wartete, das reichte eigentlich schon. Da war aber noch ein Hofhund, seine Kette ließ einen Meter zwischen diesem Ungeheuer und mir. Der Hahn war mir schon einmal auf den Kopf geflogen. Ein anderes Mal sollte ich Milch holen. Da musste ich nicht über den Hof, sondern durch das Treppenhaus. Oh Gott, da stand der gefürchtete Kettenhund und stieg mit mir die Stufen hoch mit gefletschten Zähnen. Mir schlug das Herz bis zum Halse, aber ich ließ ihn nicht aus den Augen und redete beruhigend auf ihn ein, so gut das ging mit dem Kloß im Hals. Oben angekommen, fletschte er seine Zähne immer noch, und als die Tür geöffnet wurde, wollte er mich anspringen. Der Mann, der die Tür geöffnet hatte, packte ihn sofort am Halsband und zerrte ihn in die Wohnung.
Meine Schwester Ingrid war soweit genesen, dass sie die Klinik verlassen konnte. Sie würde auf meine Schule kommen, und das war meine allergrößte Freude – meine große Schwester in meiner Schule, ich würde in der großen Pause an ihrer Seite gehen… Onkel Franz und Tante Meta hatten nach guten Ersatzeltern für meine Schwester gesucht, weil sie bei uns keinen Platz mehr gefunden hätte. Dieser Haushalt war schon überfüllt und außerdem unruhig und hektisch. Herr und Frau Schuster hießen ihre neuen Pflegeeltern und kümmerten sich aufs beste um sie. Sie wäre lieber bei uns gewesen, weil sie auch so eine Schwärmerei für Traudchen hatte.
Ingchen hatte ein wunderschönes kleines Zimmer, ganz für sich bei Schusters. Rote Rosen rankten um ihr Fenster. Ich brachte ihr einmal, von der Badeanstalt kommend, weißen Holunder, den ich geklaut hatte. Der Holunder roch streng und ich hatte schmutzige Füße aber beste Absichten. Ingchen hatte uns oft in der Öttingstraße besucht und sagte, sie wolle unbedingt Traudchens Hochzeit miterleben. Traudchen versprach ihr das, obwohl der richtige Bräutigam noch gar nicht da war. Es war eine schöne Zeit. Wir haben Mikado gespielt und erzählt. Walter Kloppmann, ein Freund von Walter, saß oft an unserem Wohnzimmertisch, er wohnte auch in der Öttingstraße. Ich war einmal weit vorgeprescht und sagte, dass ich nur einen Doktor heiraten würde – ich war zehn, das hatte ich von einer zwölfjährigen Freundin abgelauscht – die wollte nur einen Millionär, und ich fand das nachahmenswert. Walter Kloppmann nannte mich nur noch Frau Doktor. Ich wurde dann immer ganz rot im Gesicht. Von wegen, wer angibt, hat mehr vom Leben.
Ingrid war inzwischen in meiner Schule. Damals war es Mode, Rad zu schlagen oder Handstand an der Wand zu machen. Wir taten nichts anderes, und ich stand vor Übereifer nur noch auf den Händen, der Rock stülpte sich über den hochroten Kopf. Ich wollte meiner Schwester imponieren.
Ingrid war in ihrer Klasse und musste sich auch eingewöhnen. Sie war ja einige Jahre nicht mehr in der Schule gewesen.
Sie saß manchmal am offenen Fenster und traute sich nicht, zu sagen, dass sie das nicht vertragen könne. Sie wollte keine Extrawurst haben, wurde krank und musste im Bett liegen in ihrem schönen Rosenzimmer. Ihre Pflegeeltern, die Schlossers, kamen manchmal in den Laden und sahen sorgenvoll aus. Ingchen hatte schon den ersten Blutsturz gehabt. Insgesamt wurden es fünf.
Sie musste wieder in die Klinik. Die Verantwortlichen für ihren Transport dorthin machten sich Sorgen, ob sie das überstehen würde. Der Transport war geglückt. Sie war wieder in der Klinik. Noch drei Monate. Schlossers kamen eines Tages in den Laden und weinten. Ich wusste sofort, was das zu bedeuten hatte. Ingchen ist heute früh eingeschlafen, schluchzten sie.
Sie konnte all ihre Hoffnungen und Wünsche nicht mehr leben mit jungen sechzehn Jahren. Traudchen hatte mich an der Hand am geöffneten Sarg von Ingchen. Ingchen lag da, starr und weiß. Meine Tränen hatten mich nicht im Stich gelassen, diesmal nicht. Dieser Anblick hatte meine Seele geschüttelt und ich konnte alles hinausweinen, was schon alles zu beweinen gewesen war.
Es war das Jahr 1948.
Das gleiche Jahr, in dem auch unser Vater gestorben war – verhungert in „Fünfeichen“.
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